#8 | Von Therapieschnecken und Engeln ohne Flügel

#8 | Von Therapieschnecken und Engeln ohne Flügel

Verhaltensauffälligkeiten und die Moro Reaktion.

Zu Beginn singt Cordula Tara ein Ständchen (Fainschmitz „Pizza Margherita“ und Tara revanchiert sich mit einem „Guzele“ (Bonbon), einem neuen Wort für Cordulas Wettersprache: Regenbogen auf Lettisch.

Taras Patientin zeigt Symptome einer Reizverarbeitungsstörung, die auch Moro Reaktion genannt werden kann. Sie entsteht, wenn ein Mensch starkem oder langanhaltendem Stress ausgesetzt ist. Das Gehirn kommt in einen Zustand der permanenten Überforderung, Reize können nicht mehr als gefährlich oder ungefährlich unterschieden werden, das Gehirn schaltet in den Notfallmodus. Eine permanente Adrenalinausschüttung, mit erhöhter Wachheit aller Sinne, ist die Folge. Durch die erhöhte Wachheit kommen wiederum noch mehr Reize an, die nicht verarbeitet werden können. Das Gehirn ist überlastet, die Folge ist Müdigkeit, die sich bei Kindern in starker motorischer Unruhe äußern kann.
Der Umgang mit solchen Kindern erfordert klare Ansagen, deutliche Regeln und Konsequenz. Zum Thema Regeln gibt es einen kurzen Schwenk – wo sind sie noch wichtig?
Cordula erzählt von ihren Erfahrungen bei Hausbesuchen, denn ist klar, wer das „Hausrecht“ hat. Wie kann das die Therapie beeinflussen und was muss ausgehandelt werden?
Cordula berichtet von ihren Haltungsänderungen, die sie auch bei ihren schwer betroffenen Patienten und in schwierigen Kontexten immer wieder überprüfen und anpassen muss.
Gelernt hat Tara diesen anderen Blick auf Patienten bei Gudrun Kesper und Nikola Stenzel im SIM Institut in Olpe. Die Weiterbildungen nennen sich Sensorisch Integrative Mototherapie / -diagnostik (www.sim-kurse.de). Konktret lernte sie unter anderem Wahrnehmungs-, Lern- und Verhaltensstörungen zu erkennen und zu behandeln. Auch die Moro Reaktion als fight or flight Reaktion kommt zur Sprache. Cordula erkennt die polyvagal Theorie (Stephen W. Porges) in Taras Erklärungen über die Moro Reaktion und ihre Auswirkungen wieder und ergänzt die Erklärungen durch das Bild einer Gazelle und eines Löwen: Stellt sich die Gazelle tot, verliert der Löwe schnell das Interesse und wendet sich ab. Die Gazelle jedoch steht minutenlang da und zittert, da der Stress abgebaut werden muss. Geschieht dies nicht, würde das Adrenalin permanent den Körper fluten.
Bei Taras kleiner Patientin, deren Mutter sie einen Engel genannt hat, funktioniert der Stressabbau jedoch nicht und bringt deshalb einige Verhaltensauffälligkeiten und Schwierigkeiten mit sich.
Als erste Behandlungsmöglichkeit beschreibt Tara die Bürstchenmassage mit den „medi scrub“ Bürsten, die den Patienten hilft, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Die Massage erfolgt langsam und fest, in der immer gleichen Reihenfolge: Handrücken*, Handfläche*, Arm, dann dasselbe mit dem anderen Arm, Stirn, Wangen*, Lippen (hier nicht fest drücken), Hals* (Kehle aussparen), Oberkörper, Nacken, Rücken, Fußrücken*, Fußsohle*, Bein und dasselbe am anderen Bein.

*hier wird ausgestrichen, also mit absetzen, von oben nach unten. Ansonsten erfolgt eine auf und ab Bewegung ohne absetzen.

Zum Schluss überlegt Cordula noch, sich eine Therapieschnecke zuzulegen! Mal sehen, was daraus wird.


Links und Literatur zum Thema:

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